Freitag, 30. Dezember 2016

Studieren mit dem iPad - Organisation, Lernzettel, Apps

"Ich bin ein Papiermensch, ein iPad kommt mir nicht ins Haus" - genau das hätte ich gesagt, hätte man mich vor einem halben Jahr gefragt, wie ich mir die Sache mit dem Studium so vorstelle. Unentschlossen, wie ich war, saß ich in der ersten Uni-Woche - jeden Tag mit einer anderen Methode im Gepäck - im Hörsaal. Am Montag zunächst mit einem Collegeblock - klappte nicht, ich muss das Skript vor Augen haben. Am nächsten Tag mit meinem Laptop - war auch blöd; während man in einem Textfeld das Skript ergänzt, ist der Dozent schon 3 Schritte weiter, handschriftlich ist es also einfacher. Am Mittwoch dann mit einem Batzen ausgedruckter Skripte aus dem Copyshop - war nicht nur teuer, ist auch schwer und schwarz-weiß (was in Fächern wie Anatomie sehr ungünstig ist, wenn man winzige Details auf einem Bild erkennen will). Donnerstag stand also fest: Digitales, handschriftliches Mitschreiben wäre die Lösung schlechthin. Ein Tablet ist leicht und schmal, man kann in schnellem Tempo auf das Skript schreiben, sämtliche Lehrbücher immer dabei haben, muss nicht mehr drucken, kann immer und überall arbeiten. Am Freitag besaß ich dann ein iPad - Der Weihnachtsmann war schon im Oktober da. 



Dass es ein iPad geworden ist und kein Surface oder ein anderes Gerät, liegt einfach daran, dass ich mich vor Jahren dazu entschieden habe, Windows und Android den Rücken zuzukehren. Das ist natürlich eine Frage des eigenen Geschmacks und soll an dieser Stelle nicht weiter diskutiert werden. 

1. A U S S T A T T U N G
Hand aufs Herz, ich hätte gerne eines der günstigeren iPad-Modelle ausgewählt. Blöderweise ist der sagenumwobene Apple Pencil nur mit dem iPad Pro kompatibel - das leistungsstärkste, aber auch teuerste iPad von allen. Und da der elektronische Stift die für mich wichtigste Funktion des Tablets ermöglicht (nämlich handschriftliches, digitales Schreiben), habe ich mich - wenn auch zunächst schweren Herzens - für folgendes Modell entschieden: iPad Pro 9,7", gold, 128GB, Wi-Fi und Apple Pencil 
Das ist ein teurer Spaß, zumal man den Stift für rund 100€ separat dazu kaufen muss. Allerdings muss man sagen, dass der Apple Pencil wahnsinnig präzises Mitschreiben, Zeichnen etc. ermöglicht. Ich hatte zuerst die Befürchtung, dass man nicht "fein" genug schreiben kann und dass die Entwicklung eines richtigen Schreibgefühls ausbleibt; diese Befürchtungen haben sich nicht bestätigt. 





Erschwinglicher ist die Hülle, die ich mir nachträglich bestellt habe. Diese schützt nicht nur Rückseite und Display (die meisten Hüllen schützen die Rückseite leider nicht vollständig, diese hier schon), sondern ermöglicht durch Faltung des Deckels auch, dass das Gerät aufrecht hingestellt werden kann. Es gibt auch Hüllen, die eine Bluetooth-Tastatur enthalten, sodass ihr das iPad auch als eine Art Laptop verwenden könnt.

2. F U N K T I O N E N 
Wie oben schon kurz angesprochen, könnt ihr in einem iPad ziemlich viele Dinge kombinieren. Abgesehen vom Mitschreiben in Vorlesungen ist es auch kinderleicht, sich Lernzettel zu erstellen, etwas in Büchern oder Skripten zu markieren, Alltag und Stundenplan über den Kalender zu vereinen und natürlich studiengangspezifische Apps zu verwenden.  


2.1. M I T S C H R E I B E N  I N  V O R L E S U N G E N  +  L E R N Z E T T E L
Um auf den Folien, die von den Dozenten zur Verfügung gestellt werden, mitzuschreiben, benötigt ihr zunächst einmal ein Programm, also eine App. Diese sollte es euch ermöglichen, PDF-Dateien zu öffnen, zu ordnen, und natürlich zu bearbeiten: Man sollte aus verschiedenen Farben und Stiftdicken auswählen können, Zugriff auf Textmarker haben, Bilder einfügen können, Dinge ausradieren und verschieben können; für eigene Dokumente sollten verschiedene Papiergrößen und Arten (blank, kariert, liniert) zur Verfügung stehen. 
Eine solche Multifunktionsapp müsst ihr euch aus dem AppStore runterladen, und die wirklich guten Apps kosten Geld, also einen einmaligen Betrag. Ich halte diese Investition für legitim, da ihr dann keine nervigen Werbeanzeigen aufblinken seht und Zugriff auf sämtliche Funktionen habt, ohne In-App-Einkäufe tätigen zu müssen. Und was sind schon einmalig 8€, gemessen an den vielen Jahren, in denen ihr die App wahrscheinlich täglich mehrmals verwenden werdet?

Ich persönlich habe mich für GoodNotes (hier) entschieden, diese App kostet momentan 7,99€. Anhand von GoodNotes werde ich euch im Folgenden erklären, wie ich meine Mitschriften auf dem iPad organisiere.

Zunächst könnt ihr verschiedene Kategorien, also Ordner, und auch Unterkategorien anlegen. Es ist sicherlich sinnvoll, für jedes Fach (Vorlesung, Veranstaltung, wie auch immer) eine Kategorie anzulegen.

Die entsprechenden Dateien, also Foliensätze/Skripte, können dann in die entsprechenden Ordner einsortiert werden. Aus Datenschutz- und Urheberrechtsgründen musste ich einige Stellen unkenntlich machen und darf euch auch keine Vorlesungsfolien zeigen, aber ich denke, das Prinzip ist verständlich.

Wie ihr auf den Bildern demonstriert seht, könnt ihr zwischen verschiedenen Strichstärken auswählen. Indem ihr in das Dokument reinzoomt, könnt ihr nahezu beliebig kleine Notizen schreiben. Digitales Mitschreiben hat also nichts mit Grobmotorik zu tun, im Gegenteil, ihr könnt sogar feiner darauf schreiben als ihr es mit einem Kugelschreiber oder Bleistift könntet. 
Außerdem könnt ihr sowohl bestehende Texte als auch selbst Verfasstes markieren, mit dem Unterschied, dass die Farbvielfalt digitaler Textmarke und Stifte um einiges größer ist als die der Marker aus eurem Federmäppchen.

Außerdem könnt ihr Bilder einfügen; entweder spontan aufgenommene Fotos, solche aus eurer Galerie oder aber ihr kopiert Bilder aus einem anderen Dokument einfach in euer eigenes rein. Das ist sehr nützlich, wenn ihr dabei seid, Lernzettel zu erstellen. Ihr könnt zwischen eurem eigenen Zusammenfassungsdokument und den Folien des Dozenten hin- und herswitchen und gewünschte Bilder, Definitionen oder Ähnliches einfach rauskopieren und einfügen. Falls ihr euer iPad als Laptop-Ersatz verwendet, könnt ihr Textfelder verwenden (funktioniert natürlich auch mit der integrierten Touchscreen-Tastatur).
Ganz nett finde ich auch die "Begradigungsfunktion". Es soll zwar Leute geben, die ein Lineal auf ihr Display legen, um beispielsweise eine gerade Überschrift zu zeichnen, aber durch Aktivieren einer einfachen Funktion könnt ihr Striche, Kreise, Dreiecke und alles, was der Geometriehimmel zu bieten hat, ganz einfach per Hand zeichnen - so krüpplig wie ihr wollt - da die App das ganze automatisch für euch begradigen kann. 

All diese Funktionen ermöglichen euch schließlich nicht nur das Mitschreiben in der Vorlesung, sondern auch das Erstellen eigener Lernzettel. Oben seht ihr eine Seite meiner Biologiezusammenfassung. 

2.2  O R G A N I S A T I O N
Die meisten Nutzer möchten ihre Dateien wahrscheinlich nicht nur auf dem iPad verwenden, sondern auch auf anderen Geräten. Es ist zum Beispiel handlicher, morgens im Bus auf dem Handy etwas auf dem Lernzettel nachzulesen, als auf dem iPad. Außerdem ist es nie schlecht, eine Sicherheitskopie von dem, was man erstellt hat, auf anderen Geräten zu verwahren. Abgesehen von GoodNotes kann es auch sein, dass ihr an einem Computer ein Word-Dokument oder eine PowerPoint-Präsentation erstellt habt und diese nun auf euer iPad übertragen wollt. Vielleicht möchtet möchtet ihr auch Fotos synchronisieren oder Dokumente mit euren Kommilitonen austauschen, ohne jedes Mal eine E-Mail verfassen zu müssen, die dann ohnehin nur aus Anhängen besteht. 

All das sind Gründe, weshalb ihr - falls nicht schon geschehen - eine Cloud einrichten solltet. Auch für Personen, die kein Tablet besitzen, empfiehlt sich immer eine Cloud, damit ihr nie wieder Dateien über Kabel zwischen Geräten hin- und herschicken müsst, sondern einfach drahtlos über eine Internetverbindung.
Oben seht ihr drei gängige Clouds abgebildet, je nach Anbieter steht euch mehr oder weniger kostenloser Speicherplatz zur Verfügung. Noch besser als die obigen Bekanntheiten sind die Clouds eurer Universität (die Cloud meiner Universität und einiger anderer NRW-Universitäten ist beispielsweise "Sciebo"). Zum einen stehen die Server der Uni-Clouds nicht irgendwo in den USA, sondern ganz in eurer Nähe, zum anderen steht euch viel mehr freier Speicher zur Verfügung als bei Dropbox und Co. 

Je nach Studiengang empfiehlt sich auch die Verwendung des digitalen Kalenders. Zu Schulzeiten habe ich die Kalender-App höchstens verwendet, um Geburtstage von Freunden einzuspeichern; die handschriftliche Version, Stichwort Hausaufgabenheft, hatte immer größere Bedeutung.
Nun ist es so, dass man als Medizinstudent - zumindest an meiner Fakultät - keinen festen Stundenplan hat. In den meisten Studiengängen muss man sich seinen Stundenplan selbst zusammenbasteln, hat dann jede Woche die gleichen Veranstaltungen zur gleichen Zeit und muss nicht zwangsläufig jeden Tag einen Blick auf den Kalender werfen - Ich muss das schon. Zwar sind die Vorlesungszeiten relativ konstant, die Nachmittage sehen jedoch immer anders aus. Glücklicherweise stehen uns unsere individuellen Stundenpläne (jeder Student hat, aufgrund verschiedener Klinik- und Praktikumsgruppen, einen eigenen Stundenplan) digital zur Verfügung, sodass ich diesen ganz einfach in meine Kalender-App auf Handy und iPad einfügen kann. 

3.  M E D I Z I N E R - A P P S
Zuletzt seien noch kurz Apps erwähnt, die speziell für Medizinstudenten geeignet sind. Die Vollversion der meisten Apps ist kostenpflichtig, doch viele Universitäten gehen glücklicherweise mit der Zeit und erwerben Lizenzen, die sie an ihre Studenten weitergeben. 
1. LernKarten (Prometheus) - enthält Bilder aus dem Prometheus/der Dualen Reihe von Thieme; ihr könnt euch abfragen lassen, indem ihr die gezeigten Strukturen richtig beschriftet/benennt
2. MerckPSE - der leidende Vorklinikstudent braucht des Öfteren mal das Periodensystem der Elemente; in der App könnt ihr die entsprechenden Elemente auswählen und in übersichtlichen Tabellen alles nachschlagen, was ihr über das Element wissen wollt, egal ob Schmelzpunkt, Elektronenkonfiguration, Standardpotenzial, Dichte etc. 
3. Essential Skeleton 4 - allen, die in ihrer Studentenbude kein Skelett unterbringen können, ermöglicht diese kostenlose App die dreidimensionale Betrachtung des menschlichen Skeletts aus allen möglichen Winkeln
4. Amboss Wissen - Kreuzen und Lernen in einer App, besonders für Kliniker interessant
5. Visible Body Atlas - 3D Modell des menschlichen Körpers, enthält Knochen, Muskeln, Gefäße und alles, was das Medizinerherz höher schlagen lässt; auch CT-Aufnahmen und Animationen sind enthalten
6. Thieme Campus - die, leider, veraltete App des Thieme-Verlags; falls eure Unis Lizenzen für eBooks des Thieme-Verlags erworben habt, könnt ihr diese in der App runterladen und offline jederzeit darauf zugreifen 
7. Sobotta Atlas - digitaler Anatomieatlas, indem ihr gezielt nach gewissen Körperteilen (Knochen, Muskeln, Venen,...) suchen könnt, euch aber auch nach dem Lernkarten-System abfragen lassen könnt
  

Das wäre erst einmal alles, was ich zum Thema "iPad im Studium" berichten kann. Nach zwei Monaten kann ich sagen, dass es für mich persönlich die richtige Entscheidung war, diesen Schritt in Richtung Digitalisierung zu gehen. Auch bin ich bei Weitem nicht die einzige mit Tablet im Hörsaal, im Gegenteil, die Hefte und Ordner werden immer weniger, die elektronischen Geräte immer mehr. Natürlich kommt man auch mit Papier und Stift sehr gut durch das Studium - so wie die Generationen und Generationen vor uns - dennoch finde ich, dass man die Möglichkeiten, die sich uns heute bieten, zumindest teilweise nutzen sollte, um sich das Leben nicht selbst unnötig schwer zu machen; wortwörtlich, denn kiloschwere Bücher muss heute kein Student mehr mit sich rumtragen.