Sonntag, 27. November 2016

Buchfavoriten 2016



Das Jahr neigt sich allmählich dem Ende zu; 2016 war ein ereignisreiches Jahr für mich. Abitur und Medizinstudium sind nicht nur zwei kennzeichnende Schlagworte dieses Jahres, sondern auch die Dinge, in die dieses Jahr ein Großteil meiner Zeit geflossen sind. Neben all dem blieb glücklicherweise noch etwas Zeit zum Lesen - und selbst wenn nicht: Ein voller Stundenplan oder Terminkalender sollte niemals eine Ausrede dafür sein, einer Leidenschaft nicht nachzugehen.
Von all den Büchern, die ich 2016 gelesen habe, habe ich nun sechs Favoriten auserkoren. Nur eines dieser Bücher wurde dieses Jahr erstmals veröffentlicht, andere Werke sind teils viele Jahre älter. Ich weiß, dass mein Literaturgeschmack wahrscheinlich nicht dem eines jeden anderen entspricht (keine Fantasy-Bücher, keine Liebesromane...), aber vielleicht ist für den ein oder anderen Buchliebhaber dennoch etwas dabei.
Zu jedem Buch habe ich den Klappentext hinzugefügt, um einen Überblick über die Handlung zu geben. Anschließend ein paar Worte dazu, wie ich auf das Buch gestoßen bin, was ich an dem Buch besonders schätze und was es so lesenswert macht.
Streng handelt es sich hierbei also nicht um Buchrezensionen, sondern um ein Sammelsurium kleiner Texten, die meine Gedanken zu den jeweiligen Werken zum Ausdruck bringen sollen.




Der Ingenieur Walter Faber glaubt an sein rationales Weltbild, das durch eine Liebesgeschichte zerbricht.


"Homo Faber" habe ich im Sommer dieses Jahres gelesen. Eine Freundin hat ihr Deutschabitur über dieses Werk geschrieben, von dem Buch geschwärmt und es hat nicht lange gedauert, bis ich Homo Faber selbst in den Händen hielt.
Protagonist Faber ist Rationalist, glaubt nicht an Schicksal, glaubt nicht an Wunder. Das Leben als Verkettung mal glücklicher, mal unglücklicher Zufälle. Für alles gebe es eine Erklärung, nichts gibt es, was sich nicht berechnen ließe. In einer Welt voller Maschinen, ohne Platz für Individualität. So erklärt sich Faber die Welt – bis eine Reise alles verändert.
Max Frisch schrieb dieses Buch vor mehreren Jahrzehnten, und doch ist es aktueller als je zu vor. Welche Möglichkeiten gibt es, sich in einer Welt zurechtzufinden, in der ein jeder funktionieren muss? Wann wird Rationalität zum Verhängnis, wann nicht? Hat man wirklich auf alles einen Einfluss? Wie ist das mit den Dingen, die tatsächlich unerklärlich sind? Wer ist der Mensch? Was ist der Mensch? Die Sache mit der Identität.
Und überhaupt – welcher Mensch kann, ganz unabhängig davon, wo er gerade im Leben steht, von sich behaupten, seine einzig wahre Identität gefunden zu haben? Ist Identität nicht viel mehr als die Rolle, die man in der Gesellschaft zu spielen hat?
Ich selbst bin ein kleines bisschen Homo Faber, konnte mich in erschreckend vielen Zeilen mit der Figur identifizieren. Ich glaube an die Wissenschaft, daran, dass es für alles eine Erklärung gibt und dass Zufälle unser Leben streifen, nicht das Schicksal. Das Buch ist wunderbar, um sich von genau dieser Denkweise ein wenig zu lösen und den eigenen Horizont zu erweitern. Außerdem gefällt mir Frischs Umgang mit den Worten sehr. Simpel, doch unfassbar eloquent.




At the age of thirty-six, on the verge of completing a decade’s training as a neurosurgeon, Paul Kalanithi was diagnosed with inoperable lung cancer. One day he was a doctor treating the dying, the next he was a patient struggling to live. 

When Breath Becomes Air chronicles Kalanithi’s transformation from a medical student asking what makes a virtuous and meaningful life into a neurosurgeon working in the core of human identity – the brain – and finally into a patient and a new father.

What makes life worth living in the face of death? What do you do when when life is catastrophically interrupted? What does it mean to have a child as your own life fades away? 

Paul Kalanithi died while working on this profoundly moving book, yet his words live on as a guide to us all. When Breath Becomes Air is a life-affirming reflection on facing our mortality and on the relationship between doctor and patient, from a gifted writer who became both.

Kaul Kalanithi ist jung. Paul Kalanithi ist Arzt. Neurochirurg, um genau zu sein. Er interessiert sich für Literatur, Philosophie; will wissen, was der Sinn des Lebens ist, was Sterben bedeutet. Der Arztberuf als Möglichkeit, den Tod zu (be)greifen. Eines Tages wird bei Paul Kalanithi Krebs diagnostiziert.
"When Breath Becomes Air" ist eines dieser Bücher, die einen wundervollen Titel tragen. Betreten wir eine Buchhandlung ohne ein Buch zu suchen, sondern um das zu finden, was uns in die Hände fällt, dann haftet unser erster Blick auf dem Umschlag eines Buches. Bücher mit beliebig wirkendem Titel übergehe ich schnell, sind es doch zumeist die Bücher mit den simplen und dennoch außergewöhnlichen Titeln, deren Inhalt sich als packend und deren Botschaft sich als wertvoll herausstellt. Wie ich schon sagte, "When Breath Becomes Air" ist eines dieser Bücher. 
Paul Kalanithi schreibt dieses Buch in dem Wissen, dass er sterben wird. Als Mensch, der sich zur Literatur hingezogen fühlt und geplant hat, sich in hohem Alter dem Schreiben zu widmen, verlegt er diesen Wunsch nun vor. 
Die Geschichte ist ein Rückblick auf sein eigenes Leben, in dem die Medizin eine so maßgebliche Rolle spielt, gegipfelt von der Ironie, dass er als Assistenzarzt, kurz vor Abschluss seiner Ausbildung, nach so vielen Siegen und Niederlagen, endlich gewappnet, um für viele weitere Kranke in die Schlacht zu ziehen, plötzlich selbst zum Patienten wird.
Er wirkt nicht wütend, er wirkt nicht zerstört. Es ist unfassbar, wie scheinbar ruhig und vor allem reflektierend Kalanithi mit seiner Situation umgeht. Sich Zwischenmenschliches und das Unerklärliche nicht zwingend wissenschaftlich herleitet, sondern ganz eigene Überlegungen anstellt, mal philosophisch, mal nicht. Als Leser kann man eine Menge lernen, eine Menge mitnehmen. Vielleicht gibt es Dinge, die nur ein todgeweihter Mensch erfassen kann; Kalanithi schafft es, diese Dinge für uns in Worte zu fassen. In unserer aller Hoffnung, ein langes Leben leben zu dürfen, verspürt man bei der Lektüre von "When Breath Becomes Air" eine unglaubliche Dankbarkeit - nicht nur für all das, was man hat, primär für Zeit, sondern auch dafür, noch nicht zu wissen, wann es zu Ende sein wird. 
Paul Kalanithi verstarb am 9. März 2015 im Alter von 37 Jahren.


In the summer of 1990, Cathy's brother Matty was knocked down by a car on the way home from a night out. It was two weeks before his GCSE results, which turned out to be the best in his school. Sitting by his unconscious body in hospital, holding his hand and watching his heartbeat on the monitors, Cathy and her parents willed him to survive. They did not know then that there are many and various fates worse than death.
This is the story of what happened to Cathy and her brother, and the unimaginable decision that she and her parents had to make eight years after the night that changed everything. It's a story for anyone who has ever watched someone suffer or lost someone they loved or lived through a painful time that left them forever changed. Told with boundless warmth and affection, The Last Act of Love by Cathy Rentzenbrink is a heartbreaking yet uplifting testament to a family's survival and the price we pay for love.



"The Last Act Of Love" ist nicht sehr bekannt, und vielleicht hätte ich es nie gefunden, wäre ich nicht in einem Londoner Flughafen bei dem Versuch, meine letzten Britischen Pfund in der Bücherabteilung loszuwerden, auf dieses Buch mit seinem wundervollen Titel gestoßen, dessen Bedeutung so tragisch und erfüllend zugleich ist. Egal wie unbelastet oder gefühlskalt ein Leser zu sein glaubt – die Autorin bricht mit der leider wahren Geschichte über ihren Bruder ein jedes Herz; Seite für Seite, Wort für Wort.

Es ist keines dieser Bücher, die von Mitleid leben. Keines dieser Bücher, deren Inhalt aus der Feder eines Schriftstellers stammen könnte. Geschichten wie die obige schreibt nur das wahre Leben. Die Autorin gibt sie bloß wieder, und das mit einer unfassbaren Ehrlichkeit.
Wie ist das, wenn von heute auf morgen eine ganze Welt zusammenbricht? Wenn jemand, der dir alles bedeutet, nicht mehr da ist, obwohl er noch neben dir sitzt? Wenn aus Tagen Jahre werden, und aus Jahren ein Teil deines Lebens? Wie ist das, wenn Hoffnung schwindet? Wenn das, was du für richtig hältst, das Ende bedeutet? Wie ist das, wenn es endet? Und wie lebt man weiter?
"The Last Act Of Love" gehört zu der meiner Meinung nach wertvollsten Art von Büchern, die man lesen kann. Bücher, die daran erinnern, wie wertvoll das Leben ist; wie dankbar man für all das sein sollte, was man hat – oder nicht hat – und wie viel mehr man im Jetzt leben sollte, da nichts ungewisser ist als das Morgen. Man leidet, während man liest, um zu leben, nachdem man gelesen hat. Ein Denkanstoß, um das Karussell der Selbstverständlichkeit zu verlassen. Ein Buch, das seinen Leser zu einem besseren Menschen macht.

Sie ist reizbar, rätselhaft und viel älter als er … und sie wird seine erste Leidenschaft. Sie hütet verzweifelt ein Geheimnis. Eines Tages ist sie spurlos verschwunden. Erst Jahre später sieht er sie wieder. Die fast kriminalistische Erforschung einer sonderbaren Liebe und bedrängenden Vergangenheit.

Das Jahr war noch ziemlich jung als ich angefangen habe, "Der Vorleser" zu lesen. Ich weiß auch noch, dass die Vorabiturklausuren anstanden und dass ich über jede Ablenkung glücklich war. Die Geschichte, die Bernhard Schlink erschaffen hat, ist zunächst verstörend, im Nachhinein ein Kunstwerk. Doch was mich an dem Buch bei Weitem mehr gefesselt hat als sein Inhalt, ist seine Sprache. Der Autor fügt Worte zu Sätzen, Sätze zu Melodien, Melodien zu einem Buch. Eine derartige Eloquenz findet man für gewöhnlich in den Klassikern längst verstorbener Autoren, selten in Werken der Gegenwartsliteratur. Die Kapitelanfänge erinnern mich oft an die von Meredith Grey ausgesprochenen Weisheiten der nach ihr benannten Fernsehserie „Grey’s Anatomy“ – nur, dass es sich hierbei nicht um eine US-Dramaserie handelt, sondern um ernstzunehmende Literatur. Eine solche Stelle ist mir noch sehr gut in Erinnerung geblieben und im Folgenden zitiert, um auch einen Eindruck der Wortgewalt des Autors zu vermitteln:

„Wenn bei Flugzeug die Motoren ausfallen, ist das nicht das Ende des Flugs. Flugzeuge fallen nicht wie Steine vom Himmel. Sie gleiten weiter, die riesengroßen, mehrstrahligen Passagierflugzeuge, eine halbe bis Dreiviertelstunde lang, um dann beim Versuch des Landens zu zerschellen. Die Passagiere merken nichts. Fliegen fühlt sich bei ausgefallenen Motoren nicht anders an als bei arbeitenden. Es ist leiser, aber nur ein bisschen leiser: Lauter als die Motoren ist der Wind, der sich an Rumpf und Flügeln bricht. Vielleicht empfinden die Passagiere den ein bisschen leiseren Flug sogar als besonders angenehm [...]. Der Sommer war der Gleitflug unserer Liebe.“

Ein Buch für alle, die in einer Welt voll "Läuft bei dir!" und "Was ist das für 1 Buch?" wieder etwas Schönes lesen möchten.


Grundlos wird Josef K. an seinem 30. Geburtstag verhaftet und verhört. Die Umstände sind grotesk, niemand kennt das Gesetz, und das Gericht bleibt anonym. Die Schuld erfährt Josef K., hafte ihm an, ohne dass er dagegen etwas tun könne. Verbissen, aber erfolglos versucht er, sich gegen die zunehmende Absurdität und Verstrickung zu wehren, schlägt jede Warnung vor weiterer Gegenwehr in den Wind und wird schließlich ein Jahr später vor den Toren der Stadt exekutiert.

Kafkas "Der Prozess" ist ein Klassiker. Weltbekannt, doch von jungen Menschen oft nur gelesen, weil es vom Lehrplan so gewollt ist. An dieser Stelle möchte ich Euch alle dazu ermutigen, mehr klassische Literatur zu lesen – freiwillig. Immer wieder bekomme ich mit, dass es Leuten zu anstrengend ist, Klassiker zu lesen: Die Sprache, die heute niemand so verwenden würde; Die Handlungsstränge, die man in ihrer wahren Bedeutung nur versteht, wenn man bereit ist, sie zu interpretieren. Das sind meiner Meinung jedoch nach genau die Punkte, die klassische Literatur so wertvoll machen. Lesen nicht nur aus Unterhaltungszwecken, sondern zur Schärfung des eigenen Verstandes, des eigenen Urteilsvermögens, des eigenen Sprachniveaus.
Doch wieso Kafka?
"Der Prozess" ist ein Werk, dass man vielleicht nie ganz verstehen kann, jedoch umso mehr verstehen wird, wenn man bereit ist, zu deuten. Wenn man erkennt, dass mit dem Gericht keine juristische Institution gemeint sein muss, und dass die grundlose Verhaftung des Josef K.s vielleicht doch ihren Grund hat. Im Zentrum steht die Frage nach der persönlichen Schuld des Individuums, ein Thema aktueller denn je.
Die Geschichte ist unheimlich, rätselhaft, verwirrend – kafkaesk – und doch ist bis ins kleinste Detail ausgetüftelt, wenn man beispielsweise realisiert, dass das gesamte Geschehen nur aus der Perspektive des Protagonisten wahrgenommen wird, obwohl an keiner Stelle ein Ich-Erzähler greift. Dass man nicht weiß, ob oder inwiefern die Geschichte der erzählerischen Wahrheit entspricht, da Kafkas Erzählstil in diesem Werk rein hypothetisch ist. Und überhaupt kann man nur erahnen, was Kafka mit diesem – und seinen anderen Werken – wohl gemeint haben muss (Ein Großteil der Werke Kafkas wurde posthum gegen sein Einverständnis veröffentlicht; sie sollten nie an die Öffentlichkeit gelangen).
Kafka ist eine Klasse für sich. Manche halten ihn für einen Verrückten, andere für ein Genie. Bildet Euch selbst eine Meinung!


The Monarchy has been dismantled. When a Republican party wins the General Election, their first act in power is to strip the royal family of their assets and titles and send them to live on a housing estate in the Midlands. Exchanging Buckingham Palace for a two-bedroomed semi in Hell Close (as the locals dub it), caviar for boiled eggs, servants for a social worker named Trish, the Queen and her family learn what it means to be poor among the great unwashed. But is their breeding sufficient to allow them to rise above their changed circumstance or deep down are they really just like everyone else?

Ein Buch für alle, die eine kleine Obsession für Großbritannien hegen. Ich glaube, ich habe selten ein Buch gelesen, bei dem ich auf jeder Seite lachen musste, manchmal mehrmals, ungelogen. Wenn einen sogar die Leute in der Bahn seltsam ansehen, weil man sich ein Schmunzeln nicht verkneifen kann, weiß man, dass das Buch die Lektüre wert ist. Man braucht ein wenig Grundwissen über die britische Kultur, um die Anspielungen verstehen zu können und sollte wissen, dass sich die Geschichte bewusst sämtlicher Klischees bedient. Der „Was wäre wenn...?“-Gedanke, auf dem die Handlung basiert („Was wäre, wenn die Monarchie abgeschafft würde und Queen & Co in stinknormale Wohnungen ziehen müssten?) ist schließlich das, was das Buch so besonders macht.