Es ist Samstagabend. Neben mir liegen Anatomiekarten, Lernzettel, ein brühend heißer Tee steht daneben. Über mir thront ein Grey’s Anatomy Poster an der Wand, links davon Bilderrahmen mit Sprüchen, die motivieren sollen, rechts ein Gedicht, das mit all dem nichts zu tun hat. Die Schreibtischlampe flackert ein wenig, der alte Laptop, auf dem ich gerade schreibe – nicht meiner – surrt vor Anstrengung. In einer Mischung aus Schneidersitz und gefäßabschnürender Beinhaltung hocke ich auf dem Stuhl, die Vorhänge noch beiseite gezogen, draußen wacht der Mond. Am Schreibtisch sitzt „studylikegranger“. 

„Study like Granger, eat like Weasley, live like Potter“ heißt es in einigen Memes im Internet. Wie Ron Weasley zu essen, wie Harry Potter zu leben – Dinge, die ich mir nicht vorstellen könnte und konnte. Aber wie Hermine Granger zu lernen – eifrig, fleißig, diszipliniert – das, so dachte ich damals vor fast drei Jahren, ist gar kein so schlechter Plan. Hatte ich die Harry Potter Romane doch schon etliche Male durchgelesen, stets eine Sympathie für die weibliche Protagonistin empfunden, darunter auch für ihren schulischen Erfolg, offensichtlich.

Damals bin ich in die Oberstufe eingetreten. Noch zwei Jahre bis zum Abitur waren es. Meine Noten waren immer solide, und wenn ich eine Klassenarbeit „verhauen“ hatte, dann war sie faktisch immer noch gut. Nie stand für mich selbst in Frage, dass ich irgendwann einmal das Abitur meistern würde, auf direktem Wege. Eine Aussage, die auf einige maßlos selbstüberzeugt wirken mag, auf andere jedoch nachvollziehbar. 

Nicht nachvollziehbar ist für viele Menschen, ich eingeschlossen, die Tatsache, dass ein Studienbewerber für das Fach Medizin einen überdurchschnittlich guten Abiturdurchschnitt benötigt, um direkt einen Platz zu erhalten. „Der NC liegt seit Jahren bei 1,0“, erzählte uns in der 10. Klasse eine Dame, als wir eine Exkursion zur Agentur für Arbeit unternommen haben. „Mit 1,1 gibt’s keinen Studienplatz mehr“, setzte sie nach. Erst Monate später sollte ich erfahren, dass die Dame, und die zig schlecht informierten Betreiber aller möglichen Internetseiten, YouTube-Kanäle und Messestände nicht ganz Recht behalten sollten. Aber eben auch nicht ganz Unrecht – „Es gibt viele in Wege in die Medizin, doch wenn’s nicht schmerzhaft werden soll, absolvier‘ dein Abi ganz, ganz toll!“

Jeder, der das hier liest, nutzt Instagram – und das vermutlich nicht erst seit gestern. Langeweile? Auf der Suche nach Bildern von Pancakes, Schminkspiegeln, Blumensträußen, gewissen Armbanduhren, Fitnessfreunden, Schreibtischen, Textmarkern, Medizinern? Hashtag „studygram“, Hashtag „inspo“, Hashtag „zeig-mir-das-was-ich-nicht-habe“.

„Wieso hast Du damals mit Instagram angefangen?“ – eine oft gestellte Frage, die sehr wohl ihre Berechtigung hat. Die Antwort findet sich, wenn man sich zu meinem allerersten Beitrag hervorkämpft, vorbei an strahlend weißen Bildern. Mein erster Beitrag, ein wohlgemerkt nicht gestelltes Bild damaliger Hausaufgaben – Reclamheft, zwei Textmarker, Ringbuchblätter. „Kabale und Liebe“, heißt es in der Bildbeschreibung. Nicht mehr, nicht weniger. Um den Bogen nicht weiter zu spannen: Angefangen habe ich mit Instagram, um meine letzten beiden Schuljahre fotografisch (nicht durch halbe Romane, Lerntipps, Endloskonversationen über Föderalismus) festzuhalten. Als hätte mir das die Gelegenheit gegeben, einer 1,0 näherzukommen. Ein Sprungbrett zum i-Tüpfelchen einer soliden Schullaufbahn, die beinahe musterhaft verlaufen ist. „Seine Mathehausaufgaben kann man erst abfotografieren, wenn man sie beendet hat“, denke ich mir und zücke den Taschenrechner, später das Smartphone. 

Und so vergingen Monate. Weniger wie eine Gerade, vielmehr wie eine Exponentialfunktion verlief hingegen der Zuwachs an Leuten, die auf meinen Account aufmerksam wurden und die „Abonnieren“-Taste drückten. Es erklärt sich mir bis heute nicht, wie mir über dreißigtausend Personen folgen können. Zu Schulzeiten waren es natürlich weniger, aber viele Tausende waren es trotzdem. 

Ja, was ist denn eigentlich so interessant daran, einer von Abermillionen Schülerinnen über die Schulter zu blicken? Fiebert man mit? („Juhu, sie hat vom Lehrer doch noch eine Eins auf dem Zeugnis bekommen!“) – Wertet man sich selbst auf? („Ha, die hat nur eine Zwei in der Spanischklausur! Ich habe hier eine Eins vor mir liegen.“). Ich weiß nicht, was die Leute bewegte, mir zu folgen. Für Jüngere und Gleichaltrige besteht gewissermaßen ein Interesse am Thema Schule, am Thema Abitur. Aber mir folgten stets auch Personen, die mit beiden Beinen schon längst im Leben stehen. Studenten, Auszubildende, Berufstätige – woher hier das Interesse kommt, ich weiß es nicht.

Was ich weiß, oder viel eher empfinde, ist eine gewisse Unruhe, wenn ich auf die Zahl „meiner Abonnenten“ blicke. Einunddreißigtausend Personen im sitzen Nacken zu haben, ist gegen alle Natur kein unbedingt schönes Gefühl. Wer setzt sich gerne mitten in einen offenen Raum, wenn man auch mit dem Rücken zur Wand Platz nehmen kann? Vielleicht ist es aufgefallen, aber ich habe mich nie dafür bedankt, wenn ich zahlenmäßig „Follower-Hürden“ geknackt habe. Tausend Personen, Zehntausend Personen, Zwanzigtausend Personen – Zahlen, deren Dimensionen ich mir nicht vorstellen kann. 

Es soll hingegen Personen geben, die Instagram unter dem Aspekt „Reichweite“ überhaupt erst beitreten. Sich ein Imperium aufbauen wollen, zumindest einen netten Nebenverdienst. Sobald man eine solide Abonnentenzahl erreicht hat, winken die Kooperationen, so sagt man. Große Blogger sind die Werbeplakate von heute, Hashtag „sponsored“, Hashtag „Werbung“. 

Es stimmt, was man sagt. Je größer die Reichweite, desto voller das Postfach. Konzentrationspillen, Vorratsdosen, Collegeblöcke, Locher, Reiseführer, Lateinbücher – was hatte ich nicht schon für Kooperationsanfragen in meinem Postfach. 

Nach der allerersten Anfrage, die mir jemals zugesandt wurde, war ich überrascht – Da findet doch tatsächlich ein ganzes Unternehmen meinen Account toll! Nach der zweiten Anfrage war ich erfreut – Anfrage Nummer eins war scheinbar kein Einzelfall.

Doch irgendwann realisiert selbst der naivste Gymnasiast, dass Instagram durch und durch kommerzialisiert ist. Wer sich gerade noch innerlich darüber echauffiert hat, dass YouTuber mit Duschschäumen ihre jüngere Zielgruppe übers Ohr hauen, ist im nächsten Moment fast selbst dabei, die Brücke zwischen Produkt und Käufer zu werden. 

Steht man hinter dem Produkt, ist das Ganze gewiss nicht zu verteufeln. Aber wenn Personen über soziale Netzwerke ihren Lebensunterhalt verdienen – was auch nicht zu verteufeln, sondern jedem selbst überlassen ist – dann sind Produktplatzierungen in jedem zweiten Beitrag eine logische Konsequenz. Ein Phänomen, das auf die „Lernszene“ nicht zutrifft, aber eben Teil eines Netzwerkes ist, in dem sich die Lernszene schon längst manifestiert hat. 

Lernszene – in Anführungszeichen. Der Name ist Programm, könnte man meinen. Wer sich „studylikegranger“ nennt, der muss doch täglich am Schreibtisch sitzen, oder? Der gesunde Menschenverstand wird euch diese Frage selbst beantworten. Dennoch haftet durch diesen Namen ein Etikett an mir, er ist mein Synonym geworden. Mit „Liebe studylikegranger“, werde ich in Nachrichten angesprochen, da die allermeisten meinen wirklichen Namen nicht kennen, ganz zu schweigen von meinem Gesicht. 

Wieso man sich in der „Lernszene“ versteckt, ist ein viel diskutiertes Thema. Die Meisten zeigen ihr Gesicht nicht. Angst, aufzufliegen. In der Schule damit aufgezogen zu werden. An der Uni als Instagrambekanntheit in die Geschichte einzugehen. Womöglich auch noch vom (potentiellen) Arbeitgeber ertappt zu werden. 

Soziale Medienpräsenz ist nichts für jeden. Warum auch? Ich bin keine Person des öffentlichen Lebens. Ich habe nichts dadurch erreicht, dass ich helle, aufeinander abgestimmte Bilder auf einer Plattform hochlade. Ein Bild, das eine mir fremde Person mit einem „Gefällt mir“ versieht, ehe sie weiterscrollt und die nächsten Herzchen verteilt – an Bilder, welche allesamt kein Abbild der Realität darstellen. Viel eher eine Illusion. Es gibt sie nicht, die Welt, in der Stifte im rechten Winkel zueinander auf dem Schreibtisch liegen oder dekorativ Krümel neben dem Kuchen auf dem Tisch verstreut werden (niemand möchte Krümel auf dem Tisch liegen haben). Auch sind die großen Instagram-Accounts kein Schnappschuss-Sammelsurium, sondern das Resultat peinlicher Fotoshootings. Nicht selten drückt man dreißigmal den Auslöser, bis man sein Bildmotiv aus allen möglichen Winkeln abgelichtet hat und dann das Beste daraus auswählen kann. Das belastet nicht nur Akku und Zeitkonto, sondern gewiss auch die Nerven – etwa, wenn trotzdem kein „ansehnliches“ Bild entstanden ist, oder das Licht zu schlecht ist (schlechtes Wetter, kalte Jahreszeiten, kurze Tage – die Feinde eines jeden Foto-Perfektionisten). 

Wieso denn überhaupt dieser Aufwand? Die Meisten argumentieren mit Perfektionismus, das habe ich auch immer getan. Über all die Zeit hat sich der Fokus verlagert, auf Texte in den Bildbeschreibungen. Das Bild passt oft nicht einmal zum dort angesprochenen Thema, aber es muss ja trotzdem zu den restlichen Bildern passen – gleicher Filter, gleicher Stil – was ist unbefriedigender als ein unharmonischer Feed? Fast besteht auch ein Zwang, regelmäßig einen Beitrag zu verfassen, zu erzwingen. Als hätte man die Pflicht, etwas zu bieten.  

Lässt man sich dieses Denken auf der Zunge zergehen, dann merkt man, wie verschwendet Zeit und Energie sind, die in all diese Inszenierungen investiert werden. Wieso machen Menschen so etwas? Das fragst Du dich vielleicht – und ich frage es mich mittlerweile auch. 

Bilder sind für mich über die Jahre zu nichts als Platzhaltern geworden. Es gibt sie, die tollen Bilder von Reisen, von Momenten mit Kommilitonen; Bilder, die Erinnerungen sind – aber Bilder von drapierten Gegenständen auf Ikea-Bettwäsche haben keinen Mehrwert. Sie sind in unseren Köpfen genauso vergänglich wie die Zeit, die wir zum Kreieren eben dieser aufzuwenden haben.

Platzhalter. Einen Text auf Instagram posten – das geht nur zusammen mit einem Bild. Und um das Bild allein sollte es auf dieser Plattform eigentlich gehen. Als „kostenloser Online-Dienst zum Teilen von Fotos und Videos“ wird Instagram auf Wikipedia beschrieben. Kein Teilen von Texten.

Für den Schreibenden ist Instagram ohnehin nicht die richtige Plattform, das habe ich immer wieder festgestellt. Es gibt eine Zeichenbegrenzung. Texte musste ich stets kürzen, literarisch erniedrigen, ihnen Teil ihrer Magie nehmen. Auch wenn einige von euch die Texte mögen – was mich freut – so weiß ich ja, dass es nur Fragmente sind, die euch gefallen. 

Für literarisches Wirken, das habe ich beschlossen, ist Instagram nicht die richtige Plattform. 

„Aber gerade deine Texte machen dein Profil aus“, werden einige denken, haben mir einige bereits gesagt. Selbst unter den einfachsten Bildbeschreibungen, wenn ich etwa einfach nur erzählt habe, was sich unitechnisch in den letzten Wochen ereignet hat, bekomme ich hie und da Lob für meinen Schreibstil. Vielleicht liegt es daran, dass ich großen Wert auf Rechtschreibung und Grammatik lege, entschieden keine Emojis verwende. Aber ist es nicht paradox? Dass ausgearbeitete Texte direkt neben Schreibwarenhauls und „10 Facts about me“-Posts existieren. Degradiert das einen Text nicht in gewisser Weise? Ist ein Medium nicht etwa ein Fundament?

Einen Vorteil hat die Instagram-Reise ja: Reichweite, die sinnvoll genutzt werden kann. Als Antwort auf meinen Beitrag zum Weltblutkrebstag etwa haben mir mehrere von Euch Nachrichten geschickt, da sie sich in Reaktion auf meinen Aufklärungsversuch als potenzielle Stammzellspender registriert haben. Und mit Sicherheit trifft das auch auf eine ganze Reihe weiterer „stiller“ Leser zu, die mich das bloß nicht wissen lassen haben. Also doch etwas bewirken zu können, über die Instagram-Welt hinaus ins reale Leben, legitimiert das Ganze in gewisser Weise. 

Es ändert aber nichts an überflüssigen Diskussionen in der Kommentarspalte, an Bundesland-Bashing („mein Abitur ist mehr wert als deins, mimimi“), an Cybermobbing, an durch Instagram verursachtes Real-life-Mobbing, an Stalkern, an passiver Aggressivität, an Gruppenbildungen, an Stigmatisierung. 

Eine Stunde ist bereits vergangen. Mein Tee ist mittlerweile erkaltet. Die Lernsachen unberührt. Genau das ist es aber, was ich machen sollte – lernen, mich an die Personen wenden, die ich meinen Freundeskreis nenne, meine Familie, mein Umfeld. Stattdessen schreibe ich hier einen wirren Text zusammen, den Tausende lesen werden, die ich nicht kenne, nie gesehen habe, nie treffen werde. Hier trennen sich unsere Welten. Deine reale Welt. Meine reale Welt. Verbunden durch einen virtuellen Steg, der uns am Ende des Tages ja doch nicht zusammenführt. 

Die Welt braucht kein Instagram. Instagram ist nicht greifbar. Ihr könnt Instagram nicht – wortwörtlich – betreten. Instagram hängt irgendwo in der Luft, ein technisches Wölkchen, dessen Niederschlag euer Handy auffangen kann. Aber auf Wolken sitzen, das können wir Menschen nicht. 

Instagram hält fest, was andere Personen inszeniert oder tatsächlich getan haben. Aber euer eigenes Leben lebt ihr dadurch trotzdem nicht. Von Vitalfunktionen einmal abgesehen und etwas metaphysischer betrachtet: Lebt man, während man auf ein Handy starrt? Lebt man, während man das bereits Gelebte für andere zugänglich macht? Lebt man, während man den passenden Filter sucht, den Helligkeitsregler hochschiebt? Ist es nicht wörtlich zu nehmen, wenn man hört, dass das wahre Leben irgendwo dort draußen ist? Wo ein „dort“ anfängt, ist von jedem selbst für sich selbst zu definieren. 

Ich weiß, dass meine Etikette, die „studylikegranger“-Plakette, für viele zum Vorbild geworden ist, zur Inspiration. 

Inspiration finde ich selbst nicht auf Instagram, aber erfahre sie von den Leuten, die mich – auch physisch – umgeben. Personen, von denen ich weiß, dass sie alles unter einen Hut bekommen, weil ich es mit den eigenen Augen mitansehen kann, ohne durch einen Filter blicken zu müssen. Personen, die ganz Unglaubliches geleistet haben. Und in mir wirft sich die Frage auf, was ich in der Zeit, die ich in die "studylikegranger"-Etikette investiert habe, selbst alles hätte bewirken können.

Meine Instagram-Beiträge sind gewiss nichts, wofür ich ich schämen müsste. Aber eben auch nichts, womit ich mich schmücken kann, sollte oder will. 

Ein Medizinstudium interessiert viele Menschen. Viel mehr Menschen, als Studienplätze zur Verfügung stehen. Durch Personen wie mich einen Einblick in diese überaus faszinierende Welt zu erhalten, begründet letztendlich das Interesse vieler Tausend Leute, die mir folgen. 
Einblicke, die ich auch weiterhin geben werde - weil sie mir das Schreiben erhalten, das mir die Medizin sonst nehmen würde. Weil ich das Abenteuer Medizinstudium dadurch selbst reflektieren kann. Weil es mein Recht ist, das zu schreiben, was ich denke. Und für mein literarisches Ich ist es zugleich eine Pflicht.

Ihr dürft euch auf lange Texte freuen. Auf Reflexionen, auf Faszination, die ich zu vermitteln versuche. Meine Texte sind ehrlich. Ich inszeniere meine Gedanken nicht. Und unter schrecklich weißen, falsche Bildern findet ihr seit langem das einzige, hinter dem ich in puncto Instagram voll und ganz stehe - Verwörtlichtes.
In welcher Form? Wir werden sehen.

______________
11. Juni 2017


Kommentare:

  1. Wahre Worte. Eine ähnliche Erkenntnis hatte ich vor kurzem, als ich bemerkt habe, wie viel Zeit ich mit social media verbringe und wie oft ich den wirklich wichtigen Dingen im Leben sage, dass ich keine Zeit habe. Bei mir hält es sich wirklich noch in Grenzen, jedoch erkenne ich privat Menschen, die sich zum Beispiel von unrealistischen und inszenierten Fitnessfotos beeindrucken lassen und dadurch Selbstzweifel entwickeln. Ich abonniere dich, weil du für mich eine Motivation bist und eine ehrliche (!) Bloggerin. Mir bringt es nichts, wenn inkompetent Quellen behaupten, man habe als Medizinstudent kein Leben mehr. Am nächsten Tag sehe ich aber deine Reise nach Prag und wie viel du liest: Es ist also doch möglich! Dein Account ist ehrlicher und zugleich mysteriöser als die meisten anderen. Mach bitte weiter so, auch wenn nur auf deinem Blog:)

    AntwortenLöschen
  2. Hallo "studylikegranger" (ich gehöre zu den Wenigen, die deinen Namen kennen, schütze dich selbstverständlich aber weiterhin),

    Vielen lieben Dank für den unglaublich tollen, literarisch perfekt ausgefeilten Text mit tollen Inhalt! Ich finde es super, dass du deine Reichweite nicht für productplacements, sondern vielmehr für Aufklärungsarbeit nutzt – du verstehst dich nicht als Verkäufer des tollsten neuesten Collegeblocks, sondern als Bindeglied zwischen Organisationen und der breiten Masse an Menschen, die Gefallen an deinen Beiträgen finden. So scheint es zumindest im Text.

    Und du hast Recht: Instagram ist nichts als eine Scheinwelt. Ich betreibe selbst seit dem Ende der zehnten Klasse eine Instagram-Page. Weißt du, wer mich drauf gebracht hat? @ravenclawsblog. Ich kenne sie schon durch eine andere Plattform und sie fragte irgendwann, ob ich denn wisse, was ein "Studyaccount" ist. Natürlich nicht. Ich hatte davor via Instagram schon in weitere "Stücke" der Instagram-Torte Einblick bekommen. Zeichnen beispielsweise. Daran verlor ich schnell das Interesse – am Studygram nie. Nun habe ich faktisch mein Abitur und meine Seite existiert immer noch. Mit knapp 2,5 k. Was nicht wahnsinnig viel ist; die Reichweite ist mir aber weniger wichtig.

    Mir ist aufgefallen, wie ich mich selbst bei perfekten Bildern ertappe. Perfekt sind sie gewiss nicht – nicht weiß, nicht über belichtet (Ok, manchmal schon). Ein literarisches Genie bin ich auch ganz gewiss nicht. Deshalb steche ich nicht heraus, bin nur eine unter der Flut von aber tausenden Studygrams. Das Einzige, was mich hervorhebt: IC habe keinen Namen mit "study", "studylike", "studyfor" oder irgendwas in diese Richtung. Ganz nach dem Motto: Wenn mein Feed schon nicht einzigartig sein kann, dann sollen es wenigstens meine Bilder sein.

    Ich bekomme mit meiner "Reichweite" auch regelmäßig Nachrichten, ob ich hier und da helfen könne. Klar kann ich – nachdem ich mein Leben gelebt habe. Ich verliere mich oft in der Instagram-Welt, da ich dort die Anerkennung bekomme, die mir im realen Leben oft fernbleibt. Hier bewundern mich Leute für 15 Punkte in Chemie und Latein – im realen Leben reagieren meine Eltern mit "Hm, okay, schön". Wie man sich fühlt, kann man sich sicherlich gut vorstellen.


    (Weiter im Kommentar 2, die Zeichen reichen nicht)

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Leider bekomme ich aber auch Hate. Ist doof, aber in dieser Welt leider nicht wegzudenken. Hinter dieser Maske des Instagram-Profils verstecken sich auch genug Leute, die anderen eins rein wurden wollen. Aus Neid? Ich weiß es nicht.

      Ich bin auch gewiss keine Einserschülerin. Klar, tief im Inneren hegt man den Wunsch nach 1,0 – vor allem, wenn man den MSA mit 2,X macht und die Oberstufe als Neuanfang betrachten kann – aber notwendig war es nie. Überflutet wird Instagram ja vor allem von angehenden Medizinern, Juristen und Lehrämtlern überströmt. Auch ich gehöre zur Masse, die dem Lehramtsberuf nacheifert. Chemie und Latein sind Gott sei Dank Fächer ohne NC – aber warum hegte ich dann den Wunsch nach einer sehr guten 1? Weil ich mir was beweisen wollte? Weil ich meinen Freunden und Bekannten, Lehrern und der Familie was beweisen wollte? Weil ich Instagram was beweisen wollte? Ich weiß es nicht. Jedenfalls habe ich nun fast mein Abitur, welches sich auf 1,8 belaufen wird. Ist ja irgendwie enttäuschend – aber nun gut, das Leben geht weiter. Ich bin halt keine perfkete Schülerin.

      Weiterhin ist es bei Studygrams ja geradezu verpönt – so mein Gefühl –, über andere Dinge als Schule zu reden. Man wird quasi daran gehindert, man selbst zu sein. Und das alles nur wegen der kleinen Scheinwelt, in der allerlei Regeln geschrieben sind. Zumindest symbolisch. "Schule steht im Vordergrund, nur das hat was in deinem Feed verloren."

      Trotz unperfekten Abiturs habe ich bei sstudygram viel lernen können. Und das sind Erfahrungen, die wertvoll sind! Freundschaften, die sich gebildet haben, viel Erfahrung bezüglich des Lernens, Hilfe, auf die man zählen kann – auch, wenn ich oft genug die Rolle des Helfenden spiele. Und Fehler in diesem Drehbuch sind nicht zulässig. Man wird immer wieder angeschrieben, ob ich denn endlich mal helfen könne. Ob irgendwas sei, ob es mir gut gungr. Weil ich mich nicht an die Regieanweisung halte, den Personen zu helfen. Weil ich nicht tagtäglich. sondern auch mal zwei Wochen har kein Foto hochlade. Das reale Leben steht zu dem Zeitpunkt hinten an. Aber nun gut, daran gewöhnt man sich mit der Zeit.

      Summa summarum ist studygram sicher eine Erfahrung wert, sollte jedoch nicht den Hauptteil des Lebens einnehmen. Vor allem die Flut an 2021-abi-accounts ist beängstigend, aber gegensteuern kann man auch nicht. Studygram ist trotz der Vorzüge lange keine kleine, gemütliche Runde mehr – sondern leider eine breite Masse, dumie in Instagram ihre Lernmotivation suchen. Doch diese befindet sich im realen Leben – in Form von realen Konversationen, Büchern und Aufzeichnungen. Und einem Ziel, welches meistens lautet: 1,0.

      Deshalb danke ich dur, dass du diesen Schritt gegangen bist und diesen literarisch wertvollen Text verfasst hast. Danke, dass du die Wahrheit aaussprichst, wie sie ist – dafür habe ich gern meinen "langweiligen Sonntag" für einen Moment auf geopfert und dir meine Zeit geschenkt – sowohl zum Lesen deines Textes als auch zum Verfassen dieses Kommentars. In der Hoffnung, dass du mir ein bisschen deiner Zeit zurück gibst und diesen Beitrag liest. Ich hoffe, dass sich viele Leute diesen Text zu Herzen nehmen. Denn Instagram ist tatsächlich nicht mehr als eine Scheinwelt – diese bestimmt aber viel zu sehr unser Leben. Und das sollte sie nicht – denn das wahre Leben spielt sich fernab des Handys ab

      Danke nochmal für diesen tollen Beitrag, dir alles Gute und viel Erfolg weiterhin beim Medizinstudium.

      Gruß, Latinesca

      Löschen
  3. Gerne würde ich dich mit deinem Vornamen ansprechen, wie es sich gehört. Doch leider kenne auch ich deinen richtigen Namen nicht. Was verrückt ist, denn ich folge dir seit gut zwei Jahren. Viele Posts haben mich inspiriert, nicht nur, weil deine Bilder ansprechend für das Auge sind, sondern weil ich das Gefühl hatte, hinter all diesen, am Ende doch sehr gestellten Bildern sitzt eine Person, die wirklich tolle Gedanken hat. Letztendlich hat mich also nicht „studylikegranger“, sondern die Person mit den tollen Texten interessiert. Seit circa 2 Jahren nutze ich Instagram und war anfangs sehr beeindruckt. Gedanken wie „Wow, was für stylische tolle Menschen es gibt“ oder „So harmonisch soll mein Feed auch einmal aussehen“ kreisten in meinem Kopf. Vor einiger Zeit habe ich viele Bilder aus meinem eigenen Feed gelöscht. Vieles hatte ich in der Vergangenheit gepostet, was unnötig, unrealistisch war. Ich wollte der Welt keine gestellten Bilder zeigen, keine Filter auf die eigentlichen Farben eines Bildes ziehen. Ich wollte die Realität. Wenn ich nun die einzelnen Bilder anschaue, wirken sie real, gerade weil sie nicht perfekt sind. Doch schaue ich meinen Feed an, ist er mir irgendwie zu bunt. Verrückt oder? Denn die Welt ist doch bunt? Das sollte die Welt doch ausmachen? Doch was alle sehen wollen sind Filter, die alles gleich machen, die die Realität überdecken. Mit deinem Text hast du mich berührt, gerade zu geschockt. Lange habe ich überlegt, ob dein Text etwas ändern wird in mir. Soll ich Instagram löschen? Meinen Account nur noch für die wahren Freunde zugänglich machen? Wie viele wahre Freunde würde es dann geben, die wirklich mir folgen? All diese Gedanken beschäftigen mich gerade. Ich sitze auf meinem schattigen Balkon und trinke die erste Tasse Kaffee. Die Sonne wird in einigen Stunden auf diesen Teil meiner Wohnung, meinen Lieblingsteil knallen und mir die Konzentration rauben. Aber jetzt gerade, in diesem kühlen, beruhigenden Moment fühlt sich alles real an. Diesen Moment habe ich genutzt, um eine Entscheidung zu treffen, ich werde mir einen weiteren Account erstellen und Texte verfassen über Themen, Gedanken und Werte die mich berühren - positiv und negativ. Ob sie etwas verändern werden weiß ich noch nicht. Denn wie die Zukunft aussieht, weiß keiner.

    AntwortenLöschen
  4. Liebe "studylikegranger",

    auch bei mir hat dein Post einige Gedanken angestoßen, und ich möchte sie gerne mit allen teilen, die das hier lesen möchten.
    Instagram ist für mich ein einzig großes Paradoxon, mit dem wir uns wohl selbst alle belügen. Dabei verteufle ich aber keinen, denn ich habe ja selbst einen Account.
    Wir alle wolle einzigartig sein, wir wollen herausstechen. Und dennoch folgen wir den Fußstapfen anderer, imitieren sie und versuchen alles, um zu gefallen. Anders sein wollen - und sich dennoch anpassen. Unser ganzes bisheriges Leben haben wir versucht, uns zu akzeptieren, sind durch unsere Jugend gestolpert, um jetzt auf Instagram "be yourself" zu posten. Wie schräg! Denn Instagram ist eine Platform, auf der wir versuchen, anderen zu gefallen und teilweise auch Neid zu erregen. Wenn wir etwas posten, gleichen wir uns der Mehrheit an. Wir folgen unausgesprochenen Regeln, um anderen zu gefallen, und verbiegen uns.
    Wem müssen wir beweisen, dass wir toll und anders sind? Niemandem. Wir sind es, und dabei können wir es belassen.

    Vor einiger Zeit habe ich meinen Account eingefroren. Ich brauche Instagram nicht, um mir eine Identität zu verschaffen - ich besitze sie längst und habe nur versucht, sie in hashtags zu quetschen. Damit ging meine Identität, mein Anders-Sein, verloren.
    Ich habe auch festgestellt, dass die Likes nichts bringen, damit ich mich akzeptieren kann. Likes sind auch nur eine technische Wolke (um dieses tolle Wortspiel zu benutzen!). Um es mit den Worten einer meiner Lieblingsautoren, Paul Kalanithi, auszudrücken: "The meaning of life lies in relationships rather than in happiness." Diese Beziehungen - zwischen Menschen, oder zwischen Tieren, oder zwischen Mensch und Tier - die erfahren wir nicht durch Social Media. Es dafür also benutzen zu wollen, halte ich für falsch.

    Liebe "studylikegranger", ich halte es für bewunderswert und toll, wie aufrichtig du bist. Ändere ruhig die unaugesprochenen "Regeln" und nutze Instagram, um zu schreiben! Es legt den Fokus auf etwas anderes als das bloße Gefallen-Wollen, und das finde ich schön. Meine Zustimmung hast du vollkommen.

    AntwortenLöschen